#8802 - 01/12/08 07:02 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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Ich glaube ich bewerte die Filme komplett anders als Du. Ich messe sie nicht in einem totalen System im Vergleich mit allen anderen Filmen die ich so kenne - sondern lediglich an dem Anspruch den sie selbst an sich erheben.
Wenn ein Film z.B. nicht mehr darstellen will als eine lustige Teenie-Klamotte, kann ich ihn nicht ebenso benoten wie einen Film, der z.B. als Meisterwerk gelten will. Die Klamotte kann ihren Zweck grossartig erfüllen und 9 von 10 Punkten erhalten, während das "Meisterwerk" seinem Anspruch nicht gerecht wird und nur 4 von 10 Punkten erreicht - obwohl er im Vergleich natürlich immer noch 100 mal besser ist.
Auch wenn ich Filme manchmal teilweise auch so bewerte, finde ich diesen Ansatz eigentlich nicht ganz fair. Im Endeffekt kommt es mir darauf an, wie ICH den Film finde und ob er mich - im Rahmen seiner Möglichkeiten - im weitesten Sinne unterhält. Da spielt es für mich persönlich eine untergeordnete Rolle, ob der Film als tiefenpsychologisches Meisterwerk angepriesen wird oder als Heimatfilm aus dem Schwarzwald. Die Grundnote basiert bei mir - und ich denke auch bei einigen anderen - stets darauf, was ich über den Film denke. Daß es dann noch Abzüge oder Pluspunkte geben kann aus den verschiedensten Gründen - z.B. eben dafür, wie sehr der Film die propagiert Erwartungshaltung erfüllt -, ist klar.
Im Übrigen vergleiche ich auch nicht alle Filme... allerdings achte ich durchaus darauf, daß ein Film nicht alleine für sich steht - zumindest nicht bei einer Bewertung anhand von Noten - sondern im Vergleich zu anderen Filmen. Ansonsten könnte man die Noten auch weglassen und sagen "Hat mir gefallen" oder "War scheiße". Die Noten sind ja dafür gedacht, daß man mit anderen Filmen vergleichen kann. Insofern finde ich auch Ralfs Bewertungen durchweg gut (wenn ich auch mit einigen wenigen nicht übereinstimme). Im Übrigen ist es ja nicht Ralfs Bewertungssystem, sondern eine durchaus gängige welche. Daher kann ich durchaus verstehen, daß es Ralle irgendwann wirklich nervt, daß andauernd seine Bewertungen thematisiert werden. Aber naja... solange ich meine Ruhe habe.
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Nigel Powers: "There are only two things I can't stand in this world. People who are intolerant of other people's cultures... and the Dutch!"
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#8807 - 01/12/08 12:44 PM
Re: Kino, Kino, Kino
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Im Übrigen ist es ja nicht Ralfs Bewertungssystem, sondern eine durchaus gängige welche. Daher kann ich durchaus verstehen, daß es Ralle irgendwann wirklich nervt, daß andauernd seine Bewertungen thematisiert werden.
Tja, da muß ich leider sagen, in dem Punkt hat die Thematik leider viel zu sehr (Running) Gag-Potenzial - und wir sind viel zu schweinische "Rampensäue" als das wir jenes, ausgerechnet an diesem Ort, in diesem speziellen "sozialen Biotop" so einfach links liegen lassen würden!
Sorry, Ralf!
Quote:
Dann haben wir das selbe Problem wie mit Celsius und Fahrenheit. Der eine schwitzt sich bei 32' Celsius 'nen Wolf - der andere friert sich bei 32' Fahrenheit den Arsch ab.
Oder wie mit den Zentimetern und den Inches - die Marssonde stürzt halt einfach ab bzw. gondelt ins Nirgendwo.
( Moment! Das nährt in mir einen schlimmen Verdacht :
Könnten für die jüngsten Forumsaussetzer vielleicht ausnahmsweise gar nicht mal buad mit seinem Tee verantwortlich sein. Sind sie vielmehr evtl. gar einem sich ausdehnenden dramatischen Riß im Bewertungskontinuum des Kino-Topics durch inflationär unterschiedliche Rezensionen zu schulden?! )
Ragon
Edited by Ragon_der_Magier (01/12/08 12:46 PM)
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#8809 - 01/15/08 10:31 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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TÖDLICHE VERSPRECHEN:
In einem Londoner Krankenhaus stirbt eine minderjährige Mutter bei der Geburt ihres Kindes, woraufhin die Hebamme Anna (Naomi Watts) anhand eines auf russisch verfaßten Tagebuches, welches das Mädchen bei sich hatte, irgendwelche Verwandten ausfindig zu machen. Anna selbst ist russisch-stämmig, spricht die Sprache ihrer Vorfahren jedoch nur sehr bruchstückhaft, also ist sie auf die Hilfe ihres Onkels Stepan (Jerzy Skolimovski) angewiesen. Da der sich jedoch zunächst sträubt, sucht Anna ein russisches Restaurant auf, dessen Visitenkarte im Tagebuch enthalten war. Dort trifft sie auf den zuvorkommenden Patriarchen Semyon (Armin Mueller-Stahl), seinen impulsiven Sohn Kirill (Vincent Cassel) und dessen Freund Nikolai (Viggo Mortensen) - und muß erfahren, daß sie ungewollt Bekanntschaft mit der russischen Mafia gemacht hat ...
Nach "A History of Violence" ist "Tödliche Versprechen" (was übrigens wieder mal eine ziemlich reißerische Übersetzung des Originaltitel "Eastern Promises" darstellt ...) die zweite Zusammenarbeit des kanadischen Kult-Regisseurs David Cronenberg mit Viggo "Aragorn" Mortensen. Und erneut gelingt es Cronenberg, einen für seine Verhältnisse recht mainstreamigen Thriller zu präsentieren, der aber doch immer wieder den sehr eigenen Cronenberg-Stil durchscheinen läßt. Beispielsweise scheut Cronenberg auch in so einem Film mit eigentlich recht konventioneller Story nicht davor zurück, fast alles authentisch und schonungslos zu zeigen. Ein Cronenberg würde halt nie auf die Idee kommen, dann wegzuschneiden, wenn es hart auf hart kommt und/oder wortwörtlich um die Wurst geht (pun intended  - aber um das zu verstehen, sollte man den Film gesehen haben). Insofern hat mich die Altersfreigabe ab 16 Jahren durchaus ein wenig überrascht.
Die (mitunter mit sehr boshaftem Humor durchsetzte) Handlung selbst ist, wie erwähnt, nichts besonderes. Im Grunde eine Mischung aus "Der Pate" und "Road to Perdition", nur daß es hier wohl erstmals in einem großen internationalen Film um die Russen-Mafia geht (zumindest fällt mir gerade kein anderes Beispiel ein) und nicht um die sizilianische Mafia oder die japanischen Yakuza. Im Vergleich mit den Vorbildern fehlt es "Tödliche Versprechen" jedoch eindeutig an der epischen Breite und dem sprichwörtlichen Cinemascope-Gefühl. Was mit einiger Sicherheit genau im Sinne Cronenbergs ist.
Glorifizierung von Verbrechen kann man diesem Film jedenfalls nicht vorwerfen, er zeigt die Geschehnisse als die kleine, dreckige und vollkommen unglamouröse Geschichte, die sich auch in der Realität sein dürfte. Damit macht sich Cronenberg definitiv um Ehrlichkeit und Authentizität verdient - allerdings leidet darunter die Kinotauglichkeit!
Vor allem in technischer Hinsicht läßt "Tödliche Versprechen" vieles vermissen: Es gibt keinerlei innovative oder auch nur halbwegs spektakuläre Kameraführung, Ausstattung, Kulissen und Co. sind zwar zweckmäßig (und eben vermutlich wiederum authentisch), aber alles andere als beeindruckend. "Tödliche Versprechen" sieht aus wie ein (hochkarätiger) TV-Krimi und nicht wie ein Kinofilm!
Umso beeindruckender ist dafür die Besetzung geraten: Während Naomi Watts eigentlich eine eher passive Rolle einnimmt und damit gewissermaßen die Zuschauer-Perspektive des Kinopublikums einnimmt, sind die Leistungen der drei Mafia-Hauptdarsteller umso spektakulärer: Viggo Mortensen wurde völlig zurecht bereits für den Golden Globe nominiert und sollte auch gute Chancen auf die schon lange verdiente (und ihm bei "A History of Violence" leider noch verweigerte) OSCAR-Nominierung haben. Und das keineswegs nur aufgrund der heiß diskutierten, bereits jetzt als legendär zu betrachtenden und äußerst mutigen Sauna-Sequenz!
Entgegen Elgis Meinung fand ich auch Cassel und vor allem Armin Mueller-Stahl in seiner vielleicht letzten großen internationalen Kino-Rolle sehr gut. Ob deren Russisch nun überzeugend ist oder nicht (soweit ich weiß, spricht Mueller-Stahl aber schon seit Jahrzehnten fließend Russisch), kann ich allerdings nicht beurteilen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß David Cronenberg mit "Tödliche Versprechen" erneut ein beeindruckender Thriller gelungen ist, der aber inhaltlich nicht an den Vorgänger "A History of Violence" herankommt und technisch schon gleich gar nicht. Dafür sind die darstellerischen Leistungen herausragend und die direkte, authentisch wirkende Erzählweise ist ebenfalls eindrucksvoll. Allerdings muß man wirklich sagen: Es gibt viele Filme, die auf einer großen Leinwand deutlich besser rüberkommen als auf einem kleinen Fernseh-Bildschirm. "Tödliche Versprechen" zählt eindeutig nicht dazu.
7,5 Punkte.
Edited by Ralf (01/15/08 10:37 AM)
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#8810 - 01/15/08 03:38 PM
Re: Kino, Kino, Kino
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#8812 - 01/29/08 04:28 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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Loc: Franken
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DER NEBEL:
Eine amerikanische Kleinstadt wird nach einem gewaltigen Sturm auch noch von einer riesigen, dichten Nebelfront eingehüllt. Nicht nur, daß sich der Nebel entgegen der Windrichtung bewegt - er bringt auch noch etwas mit sich. Etwas Lebensbedrohliches! Eine große Menschengruppe um den Künstler David Drayton (Thomas Jane) und seinen kleinen Sohn rettet sich in einen Supermarkt. Doch mit der Zeit wachsen die Spannungen innerhalb der Gruppe und der "horror from inside" läßt den "horror from outside" beinahe harmlos erscheinen ...
Nach den Klassikern "Die Verurteilten" und "The Green Mile" ist "Der Nebel" bereits die dritte Verfilmung einer Geschichte von Horror-Großmeister Stephen King durch Frank Darabont - allerdings die erste echte Grusel/Horror-Story. Die Handlung ist ausgesprochen wendungsreich und wie angedeutet keineswegs auf den klassischen Monster-Horror beschränkt. Den gibt es zwar und wenngleich die CGI-Kreaturen nicht an Gollum-Qualität heranreichen, sind sie allemal überzeugend. Der Kern der Geschichte liegt jedoch in der Entwicklung der Geschehnisse innerhalb des Supermarkts.
Ich bin kein Psychoanalytiker, aber manchmal konnte ich die Verhaltensweisen der Menschen nicht wirklich nachvollziehen. Allerdings glaube ich, daß diese bewußt übertrieben und in die Extreme überspitzt wurden (vermutlich bereits von Stephen King), um das parabelhafte der Geschichte zu betonen.
Denn es schälen sich schnell drei klar voneinander abgrenzbare (wenngleich sehr wohl durchlässige) Fraktionen heraus: Auf der einen Seite die Ultra-Rationalisten um den Star-Juristen Brent Norton (Andre Braugher), die vermutlich noch nicht mal dann die Existenz etwas Über- bzw. Unnatürlichen anerkennen würden, wenn sie gerade davon gefressen würden. Auf der anderen Seite die extrem religiöse Mrs. Carmody (OSCAR-Gewinnerin Marcia Gay Harden) - eigentlich den Stadtbewohnern lange als "Verrückte" bekannt -, deren alttestamentarische Überzeugungen und Deutung der Geschehnisse als Bestrafung Gottes für menschliche Sündenfälle wie Mondspaziergänge (sic!), Scheidungen und Abtreibungen mit zunehmender Dauer immer mehr Anhänger unter den verängstigten Menschen finden.
Dazwischen stehen diejenigen, mit denen sich vermutlich der Großteil des Publikums identifizieren können - die "Normalen" sozusagen. Darunter David und sein Sohn, die Lehrerin Amanda (Laurie Holden lustigerweise bereits in ihrem zweiten "Nebel-Film" nach "Silent Hill"  ), der Supermarkt-Angestellte Ollie (Toby Jones) und die alte Dame Irene (Frances Sternhagen). Sie leugnen nicht das Offensichtliche, sind aber auch nicht bereit, jegliche Vernunft über Bord zu werfen.
Wie gesagt, diese sehr schnelle und extreme Aufspaltung in drei Fraktionen ist aufgrund der etwas übertriebenen Inszenierung zunächst gewöhnungsbedürftig - aber definitiv effektiv und letztlich genau das, was "Der Nebel" von den üblichen Wald-und-Wiesen-Horrorfilmen positiv abhebt! Hier wirken die Monster von draußen nur als Katalysator für die inneren Dämonen der Menschen. Was übrigens durch einen geradezu erstaunlichen Zynismus in den Dialogen noch unterstrichen wird!
Sehr gelungen ist auch die musikalische Untermalung durch Mark Isham, dessen mitunter beinahe atonalen Kompositionen die unheischwangere Atmosphäre perfekt begleiten und betonen. Die Leistungen der bis auf Harden eigentlich nicht allzu hochkarätigen Schauspieler sind nicht OSCAR-verdächtig, aber überzeugend genug. Allzu viel mimisches Talent ist hier sowieso nicht gefragt, es reicht eigentlich, wenn man Furcht, Wut und grimmige Entschlossenheit ausdrücken kann - achja, und natürlich eine gute Sterbeszene hinbekommt.
Absolut erwähnenswert ist übrigens das Ende. Ich werde an dieser Stelle natürlich nicht spoilern, aber es sei gesagt, daß Darabont das eigentliche Ende - mit Kings ausdrücklichem Segen (nach eigener Aussage war er sowieso nie hundertprozentig zufrieden damit) - verändert hat. Was einerseits wunderbar funktioniert, da dieser Schluß ein riesengroßes Ausrufezeichen setzt und sicherlich lange im Gedächtnis bleibt. Andererseits ist dieses Ende aber auch ab einer bestimmten Stelle recht vorhersehbar und insgesamt ziemlich plakativ - was eigentlich nicht schlecht zu den beschriebenen Übertreibungen paßt. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob die Subtilität des ursprünglichen Endes nicht noch besser gewirkt hätte.
Fazit: "Der Nebel" ist ein sehr gelungener Horror-Film, der zwar Anleihen bei Klassikern wie (offensichtlich) "The Fog" oder "Alien" nimmt, sich aber vor allem durch seine präzise, pessimistische Analyse der im Zentrum der Geschichte stehenden Menschen auszeichnet und somit beinahe mehr Mystery-Psycho-Thriller als Monster-Film ist. 8,5 Punkte.
Edited by Ralf (01/29/08 04:41 AM)
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#8816 - 01/30/08 06:22 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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DARJEELING LIMITED:
Die drei ungleichen, nach dem Tod ihres Vaters vor einem Jahr entfremdeten Brüder Francis (Owen Wilson), Jack (Jason Schwartzman) und Peter (Adrien Brody) begeben sich auf Francis´ Veranlassung auf eine "spirituelle Reise" durch Indien, um wieder zueinander zu finden. Doch Francis hat dabei noch einen Hintergedanken, er hat nämlich ihre Mutter (Anjelica Huston) ausfindig gemacht, die die Familie vor langer Zeit verlassen hatte, um Nonne zu werden - in einem indischen Kloster. Erwartungsgemäß verläuft die Reise nicht ganz frei von Zwischenfällen ...
Nachdem der von seiner Fanschar beinahe kultisch verehrte Regisseur Wes Anderson in seinen letzten beiden Filmen eher die für ihn typische bizarre, mitunter ziemlich klamaukhafte Komik in der Vordergrund stellte (was meiner Meinung nach bei "Die Tiefseetaucher" sehr gut funktionierte, bei "Die Royal Tenenbaums" weniger), orientiert sich "Darjeeling Limited" eher an Andersons Erstling "Rushmore" und konzentriert sich mehr auf die Emotionen der Figuren. Das aber natürlich ohne daß der Humor zu kurz käme!
Bezeichnend und absolut hinreißend ist bereits die allererste Sequenz des Films, die ich hiermit kurzerhand spoilern werde: Wir sehen einen aufgeregten Bill Murray (Hauptdarsteller aus "Rushmore" und "Die Tiefseetaucher") in einem rasenden indischen Taxi. Als der Wagen vor dem Bahnhof hält, springt Murray heraus, rennt in das Gebäude hinein zum Bahnsteig, auf dem sein Zug - der "Darjeeling Limited" - sich soeben in Bewegung gesetzt hat! Murray rennt so schnell er kann, um noch auf den letzten Waggon aufzuspringen und dann ... wird er plötzlich von Adrien Brody überholt! Die Kamera folgt dem schnelleren Brody, der den Zug tatsächlich einholt und bei einem Blick zurück den verzweifelten Murray auf dem Bahnsteig sieht. Und damit ist Murray auch schon raus aus dem Film.
Es ist im Grunde ganz einfach: Wer diese Szene witzig findet, dem wird auch der ganze Film gefallen.
Die Handlung dient dabei nur als dünner roter Faden, stattdessen trifft die Floskel "Die Reise ist das Ziel" hier exakt zu. Es geht um die Brüder und ihre ganz privaten Probleme, um ihr Verhältnis zueinander und, ja, es geht auch um ein hier wunderschön (aber keineswegs komplett romantisch verklärt) dargestelltes Indien. Ein bißchen erinnert das ganze an Filme wie "Lost in Translation" und das ist ja alles andere als eine Beleidigung.
Besonders erfreulich ist natürlich, daß die Leinwandchemie der Film-Brüder trotz ihrer zahlreichen charakterlichen und körperlichen Unterschiede einwandfrei funktioniert. Sicherlich auch ein Verdienst von Andersons Gewohnheit, immer wieder mit den gleichen Schauspielern zu drehen (wenngleich Brody neu in der "Familie" ist). Dennoch möchte ich besonders Jason Schwartzman hervorheben, der seine Kino-Karriere überhaupt erst Anderson verdankt ("Rushmore" war sein allererster Auftritt vor einer Kamera!) und sich seitdem zu einem sehr respektablen Charakterdarsteller entwickelt hat und hier auch noch erstmals als Co-Autor am Drehbuch mitwirkte.
So gesehen ist es irgendwie passend, daß er auch im 13-minütigen Kurzfilm "Hotel Chevalier" die männliche Hauptrolle spielt, der hier - anders als in den USA - als Vorfilm gezeigt wird und die Vorgeschichte von Schwartzmans Figur Jack erzählt. Naja, nicht die wirklich die Vorgeschichte, sondern einfach nur eine kleine Episode, die Jacks Ex-Freundin (Natalie Portman in ihrer bislang freizügigsten Rolle!) beinhaltet und für sich genommen zwar sehr stimmungsvoll, aber doch eher belanglos wirkt. Erst im Nachhinein entfaltet der Kurzfilm seine Kraft - durch die Geschehnisse und direkten wie indirekten Bezugnahmen in "Darjeeling Limited".
Insgesamt ist "Darjeeling Limited" der bislang beste Film von Wes Anderson. Eine subtile, humorvolle und von den exotischen Reizen Indiens ebenso wie von den erstklassigen Schauspielern profitierende Reise ins Ich der Filmfiguren. Ein wahres Feel-Good-Movie.
9 Punkte.
Edited by Ralf (01/30/08 06:28 AM)
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#8817 - 01/31/08 02:58 PM
Re: Kino, Kino, Kino
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Bezeichnend und absolut hinreißend ist bereits die allererste Sequenz des Films, die ich hiermit kurzerhand spoilern werde: Wir sehen einen aufgeregten Bill Murray (Hauptdarsteller aus "Rushmore" und "Die Tiefseetaucher") in einem rasenden indischen Taxi. Als der Wagen vor dem Bahnhof hält, springt Murray heraus, rennt in das Gebäude hinein zum Bahnsteig, auf dem sein Zug - der "Darjeeling Limited" - sich soeben in Bewegung gesetzt hat! Murray rennt so schnell er kann, um noch auf den letzten Waggon aufzuspringen und dann ... wird er plötzlich von Adrien Brody überholt! Die Kamera folgt dem schnelleren Brody, der den Zug tatsächlich einholt und bei einem Blick zurück den verzweifelten Murray auf dem Bahnsteig sieht. Und damit ist Murray auch schon raus aus dem Film. 
Toller Anfang! Muß den Film sehen! 
Aber heute war ich in einem etwas anderen Film, von dem bis zum Start in den USA kaum etwas bekannt war... es gab lediglich ein paar Trailer und Teaser... das Bild von der kopflosen Freiheitsstatue... die Namen J.J. Abrams (Produzent) und Matt Reeves (Regisseur)... und sonst nicht wirklich viel.
Mancher mag es schon erraten haben, es handelt sich um CLOVERFIELD.
Mein Urteil vorab schon verratend kann ich nur sagen: Beeindruckend!
Viel muß und sollte man über die Story nicht verraten - nicht nur weil so ein großes Geheimnis darum gemacht wurde, sondern weil sie auch nicht wirklich so berauschend ist.  Der Film wurde öfter als Mischung aus Blair Witch Project und Godzilla bezeichnet... und das trifft in der Tat zu. 
Aber die Intensität, mit der man ins Geschehen gezogen wird - der ganze Film basiert auf einer einzigen Kameraaufnahme während der ganzen Geschehnisse - ist überwältigend, wie ich finde. Das Ganze fängt mit der Abschiedsparty für Rob an, den es nach Japan verschlägt. Freunde veranstalten die Überraschungsparty und der beste Freund Hud darf mit der Kamera die ganze Party dokumentieren. Nach einiger Zeit des Feierns und kleinerer Beziehungsprobleme geht es dann los... eine riesige Erschütterung, Stromaussetzer, laute Geräusche... man rennt aufs Dach und sieht dort wie am Horizont eine riesige Explosion stattfindet... auf der Flucht vor den Trümmern flieht man auf die Straße... und da kommt dann schon der Kopf der Freiheitsstatue durch die Straße geflogen. 
Ab da geht es dann - ohne zu wissen, wer oder was eigentlich für das Chaos verantwortlich ist - auf die obligatorische Flucht aus der Stadt bzw. zur Rettung etwaiger liebgewordener Personen. Der Unterschied zu gewöhnlichen Katastrophenfilmen besteht darin, daß man dank der Handkamera mittendrin ist. Das ist eigentlich auch der ganze Clou des Films... denn wie gesagt, Story ist nicht einfallsreich, die Schauspieler nicht wirklich gefordert/überragend. Aber durch die subjektive Kamera ist das Ganze dennoch mitreißend und sehr aufregend.
Wegen der kleinen Schwächen im Detail (Story, Schauspieler, Charaktere) gibt es "nur" 9 von 10 Punkten!
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#8818 - 02/01/08 08:03 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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Loc: Franken
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Du hast es zwar erwähnt, aber man sollte vielleicht noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, daß der Film á la "Blair Witch Project" komplett mit wackeliger Handkamera gedreht wurde (eben die subjektive Perspektive). Damit haben nach ersten Erfahrungsberichten viele Kinozuschauer so ihre Probleme - wohl vor allem die, die vorher gar nicht wußten, um was für einen Film es sich handelt.
Und es gibt wohl auch wieder mal des öfteren herzerfrischend schwachsinnige Kommentare in der Art von "Sowas hätte ich auch selber drehen können" zu hören. Ich werde jedenfalls versuchen, "Cloverfield" in einem möglichst leeren Saal zu sehen ...
Übrigens ist zu lesen, daß es viele Anspielungen auf "Alias" geben soll. Wie viele hast du denn bemerkt, Elgi?
Und last but not least: Kennst du die begleitenden Internet-Seiten wie slusho.jp, tagruato.jp oder jamieandteddy.com (Paßwort jllovesth)? Ich habe sie mir noch nicht näher angeschaut, weil ich mich von "Cloverfield" überraschen lassen will, aber da gibt es wohl noch einiges zu entdecken für Fans des Films ...
Edited by Ralf (02/01/08 08:06 AM)
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#8819 - 02/01/08 08:27 AM
Re: Kino, Kino, Kino
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Nein, ich habe bis gestern ausschließlich nur das Plakat gekannt und sonst nichts!
Klingt erstaunlich, ist aber wahr. Ich wußte nicht mal, daß Abrams dahintersteckt. Erst gestern habe ich durch Zufall etwas mehr darüber gelesen und bin dann rein. An Anspielungen auf Alias ist mir ehrlicherweise nichts aufgefallen... ich lese jetzt lediglich über das Slusho-Getränk, aber naja, ich bin mir gar nicht sicher, ob das im Film selbst vorkommt; ich erinnere mich auf jeden Fall nicht daran.
Was die Leute angeht, denen schlecht wird und die dann aus dem Kino rennen: Schwächlinge!
EDIT: Und die besagen Seiten habe ich mir jetzt Mal angeschaut... ich persönlich finde, daß sie nichts mit dem Film zu tun haben.
Und das könnte in der Rezeption durch die Kritiker durchaus ein Problem werden: Der Film wird sehr oft mit "viralem Marketing" in Verbindung gebracht... es wird berichtet, wie geheimnisvoll der Film (nicht) beworben wird... von den vielen heimlichen Dingen beim Dreh erzählt... usw.
Fakt ist aber, daß das alles in keinem Verhältnis zur Story im Film steht - die ist wirklich nicht revolutionär, sondern purer Durchschnitt. Und wenn man mit allzu hohen Erwartungen in den Film geht, kann man gar nicht anders als enttäuscht werden.
Ich wiederhole mich: Das, was den Film auszeichnet, ist nicht die Story oder der Cast, sondern einzig und allein die Tatsache, daß man so in das Geschehen gezogen wird, wie in keinem vergleichbaren Film zuvor. Davon geht die einzige Faszination aus, wie ich finde. Daher mein dringender Rat an alle, die den Film sehen wollen (also an Ralf  ): Von der geheimnisumwobenen Story nicht zu viel erwarten.
EDIT 2: Und wer behauptet, daß er sowas auch hätte selbst drehen können, ist nichts als ein Schwätzer, denn handwerklich ist das Ganze sehr gut umgesetzt. Die verwackelte Handkameraoptik könnte einen anderen Eindruck vermitteln, aber die gezielt eingesetzten und teilweise sehr schönen Specialeffekte passen perfekt ins Bild. Ob das einer der Idioten, die meinen, das hätten sie auch selbst drehen können, ebenfalls so gut geschafft hätte, mag ich bezweifeln.
Edited by elgi (02/01/08 08:35 AM)
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